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Julia ist nicht zu bremsen
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Eine Mutter berichtet über ihre Tochter, die geistig behinderte Kinder kennen lernen wollte
Autor: Heike Herrmann
Quelle: Lebenshilfe - Zeitung Ausgabe 4/02
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Wie alle anderen Schüler der Klasse 7 der Freien Waldorfschule Ludwigsburg sollte meine Tochter Julia ein Referat zu einem selbstgewählten Thema halten. Und obwohl die Erwachsenen es ihr zunächst auszureden versuchten, wollte sie erfahren, wie Kinder mit geistiger Behinderung sind. Also traf sie die Entscheidung, über das Down-Syndrom zu schreiben.
Julia, die gerade erst 13 Jahre alt geworden war, stellte sich vor, sie würde in unserer örtlichen Grundschule, in der es eine Integrationsklasse gibt, die Möglichkeit finden, Kinder mit Down-Syndrom kennen zu lernen, sie zu besuchen und sie auch zu uns einzuladen.
Als Mutter unterstütze ich sie, telefonierte auch mit der Rektorin der Grundschule, erhielt jedoch von dort die Auskunft: „Die Eltern der Kindern seien niemals damit einverstanden. Kindern mit Down-Syndrom seien wie gewöhnliche Kinder zu betrachten und keine "Ausstellungsobjekte". Nachdem ich eigentlich insgeheim der Meinung war, wie anfangs auch der Klassenlehrer, Julia würde sich zu viel vornehmen, versuchte ich die Ablehnung der Schule als Hinweis zu nehmen, dass Julia sich doch anderweitig orientieren sollte.
Stattdessen sprach Julia selbst mit ihrer Cello-Lehrerin, von der sie wusste, dass deren Mann an einer Behindertenschule in Ludwigsburg unterrichtet. Es stellte sich heraus, dass diese Schule ganz in der Nähe der Waldorfschule liegt. Julia setzte alle Hebel in Bewegung und bekam tatsächlich eine Einladung, in ihrer Klasse von Lehrerin Heidrun Müller zu hospitieren.
Nun war Julia nicht mehr zu bremsen. Sie suchte gemeinsam mit mir nach Informationsmaterial im Internet, ließ sich Broschüren und Hefte, Postkarten und Poster schicken. Julias Klassenlehrer Heiner Freitag stellte sie für drei Tage vom Unterricht frei, wobei er betonte, sie müsse alles nacharbeiten und sämtliche Klassenarbeiten nachschreiben.
Ihren ersten Tag in der Behindertenschule erwarteten mein Mann und ich mit gemischten Gefühlen. Dann staunten wir nur noch: Julia entwickelte ein Selbstbewusstsein, ging ganz selbstverständlich dort hin und fühlte sich rundum wohl.
Dass geistig behinderte Kinder manchmal kleckern und sabbern, dass ihnen Speichel aus dem Mund läuft und so weiter, wusste Julia bereits aus den Informationsbroschüren. Ihr Kommentar dazu: „Das kann man ja wieder weg wischen.“
Sie ging in der Arbeit mit den Kindern, die sie mir allesamt beschrieb, völlig auf. Als es einem Jungen einmal schlecht wurde, hielt Julia ihm den Eimer, damit er brechen konnte. Am zweiten Tag teilte sie uns mit, sie könne sich vorstellen, einmal so zu arbeiten wie Lehrerin Heidrun Müller. Die vermittelte auch den Kontakt zu einer Familie mit Down-Syndrom-Kind. Tobias ist elf Jahre alt und sehr lebendig. Julia besucht ihn, und er besucht sie. Sie investiert viel Zeit und Energie.
Versäumtes aus der Schule trug Julia bis spät in die Nacht in ihre Hefte ein, bereitete sich auf Klassenarbeiten vor und schaute fortan wöchentlich am Donnerstag in „ihrer“ Klasse bei „ihren“ Kindern vorbei. Donnerstags könnte Julia bereits um zwölf zu Hause sein, sie verabredet sich aber regelmäßig mit ihren neuen Freunden.
Dann kam der Tag, an dem Julia das Referat über das Down-Syndrom halten sollte. Dazu schreibt Klassenlehrer Heiner Freitag: „Die Tatsache, dass sie sich aus freier Initiative diesem Thema gestellt hat, wurde für ihre 37 Mitschüler zu einer wesentlichen Grundlage, in der Zukunft einen natürlichen Umgang mit behinderten Menschen erlernen zu können. Staunend und mit großem Interesse folgten sie ihren spannenden Ausführungen.
Das Referat von Julia ist sogar in der Schülerzeitung veröffentlicht worden. Verschiedentlich hat Julia bereits Mitschülerinnen mit „ihrer Klasse“ bekannt gemacht. Mit einer Freundin besuchte sie dort eine Faschingsparty. Und Lehrer Freitag überlegt nun, eine gemeinsame Wanderung oder andere Aktivitäten mit den behinderten Kindern zu unternehmen.
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